Montag, 9. März 2015

Impressionen von meinem 10km Lauf in Uruguay

llegada ('Ankunft', hier: Ziel) - die Läuferin links bin ich

Gegen 10.57 Uhr verlassen wir das Haus. Salomon (der Fitnesstrainer von meinem Kraftraum) meinte, dass ich um elf an der Promenade sein sollte, irgendwann zwischen elf und halb zwölf würde es losgehen. Wir fahren dahin, ich sehe ihn nicht am vereinbarten Treffpunkt. Es ist drei nach. Ich schreibe ihm eine Nachricht. Keine Antwort. Ich rufe ihn an, er nimmt nicht ab. Ich verabschiede mich von meiner Gastmutter, nehme den Rucksack, in dem sich das Shirt vom Lauf und mein Handy befinden, mit, und gehe langsam zum Start, in der Hoffnung, ihn dort zu sehen. Es ist mittlerweile fünf nach gewesen.

Es fehlen noch gut zweihundert Meter, da höre ich Noch zwei Minuten bis zum Start. Wollen sie mich verarschen? Ich gehe schneller. In meinem Stress beachte ich die grosse Menschenmenge gar nicht. Wo ist Salomon?!!, ist mein einziger Gedanke. Da, ich sehe ein Mädchen von Kraftraum, das ich "kenne" und auch läuft. Ich gehe zu ihr. Wo ist Salomon?!, frage ich panisch. Der Ansager kündigt an, dass es in einer Minute losgehen würde und ich habe noch nicht das Lauf-Shirt an, weil ich eigentlich eines von unserem Sportclub bekommen würde, geschweige denn meine Startnummer drangepinnt. Da ist Salomon noch eine Minute bis zum Start - ich ziehe mir das Shirt vom Lauf über mein Oberteil, gebe den Rucksack irgendjemandem, den Salomon kennt, und es geht los und ich bin noch nicht bereit. Die Menge setzt sich in Bewegung. Mit Startnummer und Sicherheitsnadeln in der Hand jogge ich los. Im Laufen steckt mir Salomon mit einer Sicherheitsnadel die Nummer ans Shirt. Die anderen drei schmeisse ich weg. Wir sind so gut wie zuhinterst. Ich hab noch so ein komisches rotes Teil in der Hand, einen Chip oder so um die Zeit zu messen, das ich auch wegschmeissen sollte ("wir haben eh alle die gleiche Zeit"), doch ich stecke es mir in die Hose. Selbst wenn es zu spät ist, den zu aktivieren (meine Zeit wird also gar nicht gemessen?!), hab ich wenigstens ein Erinnerungsstück.

Wir laufen, locker, langsam. Die Sonne brennt von oben hinab. Irgendwann fange ich an, neben dem einen Mädchen zu laufen. Einen Kilometer nach dem anderen. Kurz vor dem dritten kommt die angekündigte "Steigung". Die Steigung ist ein verdammter Witz. Wenn ich gewusst hätte, dass sie so flach ist, hätte ich mir keinen Stress gemacht. Salomon meinte zwar, dass er mich bei den fünf Kilometern auf dem Laufband damals extra gefordert hatte, damit ich es draussen leichter hatte, aber diese.. Steigung kann man nicht mal als Steigung bezeichnen! Die Bezeichnung ist lächerlich, doch ich bin froh darum, denn ich hatte mir schon das Schlimmste ausgemalt.

Das grösste Problem ist die Sonne. Sie brät uns regelrecht durch. Keine Wolke trübt den strahlend blauen Himmel. Überall am Rand stehen Menschen, die applaudieren oder vamos vamos rufen. Ich lächle ihnen zu. Irgendwann kommt die erste Wasserstelle. Weiterlaufen, weiterlaufen.  Nicht nach hinten schauen. Nicht schauen, wo Salomon ist. Vier Kilometer geschafft. Das Mädchen macht etwas schlapp, ich verlangsame mein Tempo, um mit ihm laufen zu können. Salomon ist hinter uns und ermahnt es zeitgleich wie ich, als es anfängt zu gehen. Irgendwann schliessen die anderen mit Salomon auf und wir laufen ein bisschen zusammen. Ich sollte nicht so viel Wasser trinken, warnt Salomon mich. Ich werfe die halbvolle Wasserflasche zu Boden. Wasserflaschen, überall. Jemand ruft Suiza (Schweizerin), ich bin überrascht, denn ich kenne ihn nicht und bin eigentlich nicht sonderlich bekannt.

Bei fünf Kilometern habe ich erstmals etwas Vorsprung den anderen meiner Gruppe gegenüber. Ich gehe davon aus, dass sie wieder aufschliessen würden. Als ich das nächste Mal nach hinten blicke, sind sie nicht mehr zu sehen. Toll. Weiterlaufen, weiterlaufen. Ganz gemächlich. Gegen Ende würde ja noch eine Steigung kommen. Ich erinnere mich daran, wie Salomon sagte, dass er möchte, dass wir glücklich ans Ziel kommen und nicht ohne Puste und erledigt. Ich will auf keinen Fall platt machen oder nachlassen. Irgendwann laufe ich von ein paar Fremden umgeben. Die Leute feuern uns an, ich lächle und winke ihnen zu. falta poco und vamos, vamos und so weiter. Ich strecke den Daumen hoch. Ich strahle, strahle, strahle ihnen zu.

Ein Schritt nach dem anderen. Ich stelle mir vor, dass das ein Trainingslauf ist. Oder ich jogge einfach des Joggens wegen. Kein Rennen, kein Stress. Ich bin glücklich, mir ist es egal, wann ich ankomme, einfach weiterlaufen und die Leute anstrahlen, die da am Rand stehen und sitzen und uns anfeuern. Ich sprudle über vor lauter Energie und gute Laune und strahle immer noch alle an.

Es ist mir viel wichtiger zu strahlen, als verkniffen zu versuchen, eine gute Zeit zu machen.

Noch eine Wasserstelle. Etwas Wasser auf die Arme, Stirn und Nacken. Abkühlung. Die nächste "Steigung". Kurze Schritte, tief atmen, meinte das Mädchen bei der ersten Steigung. Ist auch nicht wirklich eine Steigung, aber ich hab jetzt wenigstens das überstanden, wovor ich so Angst hatte. Noch drei Kilometer. Drei kurze Kilometer. Irgendwann ist niemand wirklich in meiner Nähe. Weiterlaufen, weiterlaufen. Strahlen, winken, lächeln, Daumen ausstrecken. Anspornungen aufsaugen wie als wäre es positive Energie und diese gleich als Strahlen weitergeben, weil niemand so viel Energie bei sich behalten kann ohne zu platzen. ¡qué divina! (wie toll), sagt jemand zu mir. Ich strahle daraufhin noch mehr. Ich denke, ich werde einigen in Erinnerung bleiben, zumindest kurzfristig. Wer lächelt bei einem Lauf schon so viel und strahlt mit der Sonne um die Wette?

Noch ein Kilometer. Am Club vorbei. Fehlt nur noch wenig. Bei den letzten hundert Metern stehen ganz viele Menschen rechts und links der Strecke. Ich setze zum Sprint an, wie die Person neben mir. Ich strahle nicht mehr, der Sprint verlangt doch einiges von mir ab. Ich sehe die Zeitanzeige. 01:07:xx oder so. Mir egal, ich habe gestrahlt und genossen, ich gebe weiterhin Gas, bis ich ankomme.

Wenige Meter vor dem Ziel erkenne ich, dass es doch keine sieben ist. Meine Zeit ist 01:01:30 oder so. Ich komme an, ausgelaugt und überglücklich. Meine Gastmutter ist da, mit der Kamera. Macht Fotos. Ich nehme vorher einen Müsliriegel und die Mitmach-Medaille entgegen. Auf den Fotos strahle, strahle, strahle ich.

Jemand stupst mich von hinten an. Ich drehe mich fragend um. Es ist ein Junge, den ich im Kraftraum ab und zu sehe, aber noch nie begrüsst habe. Er macht lächelnd das "Daumen-hoch-Zeichen" und überrascht mich damit. Ich freue mich und erwidere es.

Danach spricht meine Gastmutter den Reporter vom lokalen Sportfernsehen an, sagt, dass ich aus Europa komme und ich fange daraufhin an mit ihm zu reden. Er war tatsächlich mal in der Schweiz und geht in einem Monat wieder dahin. Anschliessend bittet er den Kameramann, die Kamera einzuschalten, und interviewt mich. Mein linkes Auge zuckt aus unerklärlichen Gründen wie bescheuert und es ist mir hochpeinlich. Auf die Frage, wie ich mich fühle, sagte ich so etwas wie "ich freue mich sehr, ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages so viel rennen kann, vor vier Monaten waren es keine vier Kilometer und jetzt sind es zehn" (stimmt nicht mal richtig, in der Aufregung hab ich irgendwas gelabert).

verlegenes Lachen

Von der Siegerehrung habe ich mitbekommen, dass der schnellste Mann 32min gebraucht hat. :D

Das Erlebnis war so so toll und es war definitiv nicht mein letzter Lauf. Ich kann es euch wärmstens empfehlen, ich weiss zwar nicht, wie die Zuschauer in Europa so sind, aber die hier waren sooo motivierend und ich bin so froh, dass ich es gewagt habe daran teilzunehmen. Selbst wenn die Zuschauer nicht so euphorisch sind, das Gefühl, es geschafft zu haben, ist einfach unglaublich, also tut's!!

danach: total glücklich, stolz und geflasht :D

2 Kommentare:

  1. Wow, krass das hatte ich gar nicht richtig mitbekommen :o
    Ich bewundere dich dafür echt, vor allem, weil ich als Ziel habe auch mal einen 10km Lauf mitzumachen!
    Wie lang hast du dafür trainiert? Wie oft und auf welche Art?
    Denn ich HASSE Joggen und habe das so als Anti-Schweinehund-Ziel :D

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    1. hallo Fleur :)
      danke für deinen Kommentar! haha du hast es sehr wohl mitbekommen, aber vermutlich wieder vergessen, weil es ja schon ne Weile zurück liegt :D
      ich wollte sowieso noch einen Post zu diesem Thema schreiben, werde also bald einen veröffentlichen, in dem deine Fragen beantwortet werden :)
      <3

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