Dienstag, 31. März 2015

Nach der ES ein Maß finden - in Maßen

Wimmernd, zitternd, verzweifelt, erschrocken sitze ich gegenüber meinem Hausarzt im Stuhl. Nachdem ich innert sechs Monaten 20 kg abgenommen habe und bei einer Größe von 1.78 m nur noch 45 kg auf die Waage bringe, muss ich ihn notfallmäßig konsultieren: In fünf Tagen soll es aufgehen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Allerdings sind meine Eltern mit den jetzigen Umständen zu verängstigt, mein Wesen bestehend aus Knochen und darüber gespannter, trockener Haut diesen Strapazen auszusetzen. Nach allen möglichen Tests und Abklärungen die Erlösung: Ich darf in die USA und nach Kanada gehen – mein Hausarzt sieht womöglich sogar eine therapeutische Chance in der Reise. Und ist es nicht eigentlich herrlich, im Königreich des Junkfoods wieder mit essen beginnen zu sollen?
Fünf Tage später stehe ich nun vor Burger, Bagel, Cheesecake & Co. Dankbar dafür, dass ich doch meines Zustandes die Reise habe antreten können und mir nach langem bewusst über meine Verfassung bin, muss ich einfach zuschlagen. Nach den ersten paar Bissen schreit jede Zelle meiner Körperhülle: „Endlich! Mehr, mehr, mehr, wir müssen langsam aber sicher aus dem Stand-by-Modus erlöst werden!“ Selbst wenn ich während der Rundreise von drei Wochen an etwa fünf Tagen aufgrund meiner mentalen Überforderung praktisch kalorienfreie Tage einlegen muss und keine Nicht-Light-Getränke runterkriege, schmeckt mir das Essen unglaublich gut. Ich freue mich sogar ein bisschen darüber, im Gegensatz zu den anderen quasi auf ärztliche Verordnung mich mit all diesem „schlechten Essen“ vollstopfen zu müssen. Die Last, die sich auf den Schultern meiner Eltern einem invasiven Felsbrocken gleich breit gemacht hat, wird immer mehr vermindert. Es gibt also keinen Grund, noch länger Kalorien meine Seele heraussaugen zu lassen.
So intensiv die vorhergegangen beiden Abschnitte klingen mögen – meine Essstörung war keine klassische: Sie entsprang einer pubertären und familienbedingten Genervtheit und dauerte nur zirka ein halbes Jahr. Meine psychischen Mangelerscheinungen verschwanden vergleichsweise schnell (ohne jegliche psychologische Hilfe), bald lag mein Gewicht wieder im Normalbereich. Was lange blieb, war die Schwierigkeit, wieder ein „normales“ Essmaß zu finden. Dick bin ich nie geworden. Dennoch geisterte mir die Frage nach einer für mich adäquaten Ernährung lange im Kopf herum. Und wie viele Menschen, die nicht an einer Essstörung leiden, denke ich auch heute ab und zu, dass ich mich besser ernähren könnte. Im Folgenden möchte ich jedoch nur auf "Maßtipps" bei der Genesung einer Essstörung eingehen.
  • Versuche, auf deinen Körper und seine Bedürfnisse einzugehen.
  • Setze so viel wie möglich auf gesunde, sättigende Lebensmittel (diese aufzuzählen ist überflüssig, oder?)
  • Gelingt dir letzteres nicht, kannst du versuchen, dich an anderen zu orientieren und mit ihnen "mitessen".
  • Oder erinnerst du dich, wie viel du gegessen hast, bevor du krank geworden bist?
  • Du kannst versuchen, mit Personen, denen du nahe stehst und mit denen du deine Mahlzeit einnimmst, im Vorfeld alles, das du zu essen gedenkst, auf den Teller zu legen - so hast du einen besseren Überblick und eine besseres Maß.
  • Iss langsam - dein Sättigungsgefühl wird sich so eher einstellen.
  • Hast du gerade eine Essattacke, halte zwischendurch inne und trink Wasser - vielleicht kannst du aufhören.
  • Wenn du schon das Gefühl hast, viel essen zu müssen, genieße es wenigstens, habe Spaß daran - es ist schon lecker, nicht wahr?
  • Versuch, fünf Mahlzeiten am Tag zu dir zu nehmen und nicht ständig zu naschen.
  • Iss nichts, während du gestresst bist (im Gehen, kurz bevor du das Haus verlassen musst) - dein Hungergefühl wird sich so kaum regulieren lassen.
  • Versuche nicht permanent, dein Hungergefühl mit Wasser, Kaugummis oder Bonbons zu unterdrücken.
  • Befindest du dich in einem Moment der Schwebe (du bist gerade stark genug, um auf dein Hunger-, nicht dein Lustgefühl zu hören), kannst du dir Kochbücher oder andere Abbildungen von Nahrungsmitteln anschauen - das vermindert die Lust ein bisschen.
  • Mach auf keinen Fall viel mehr Sport als sonst, um all die Kalorien wieder abzutrainieren - das wäre äußerst kontraproduktiv. In deinem Zustand reichen drei Stunden leichte Bewegung.

Habe keine Illusionen: bis sich dein Essmaß normalisiert, dauert es ein ganzes Weilchen, Rückschläge wird es einige geben. Bist du dir dessen bewusst, vermagst du einfacher damit umzugehen. Befolgst du die genannten Tipps, fällt es dir hoffentlich leichter, wieder "normal" essen zu können - selbst wenn es einige Monate dauern kann. Vielleicht fühlst du dich aufgrund deiner gestörten Regulation hilflos, verzweifelt, aber auch genervt und das Loch, aus dem du gerade heruasklettern möchtest, zieht dich wieder tiefer rein. Lasse es zu - das sind normale Gefühle, die dich stärker machen und dazu gehören. Immerhin kannst du dir bereits eingestehen, dass du ein Problem hast. Und das ist schon ein gewaltiger, wenn nicht der wichtigste, Schritt- toll.
Verusch, an folgende Punkte zu denken, wenn du z.B. gerade eine Essattacke hast:
  • Eigentlich hat doch dein Körper ein gutes Recht, nach dieser Malträtierung alles, was ihm angeboten wird, anzunehmen, oder? Gönne es deinem Körper, er hat es in letzter Zeit schwer gehabt.
  • ES HANDELT SICH NUR UM ESSEN, nichts Bedrohliches, Böses oder Schlechtes. Essen hat keinerlei Macht - nur diejenige, die du ihm virtuell zuschreibst. Soll heißen: Du bist sowieso stärker als das Essen.
  • Sei realistisch: Du bist so dünn, auch wenn du enorm viel isst, wird es niemand auf Anhieb sehen (und wenn, sähe es sogar viel besser, gesünder aus). Du wirst noch ein ganzes Weilchen zu dünn bleiben. Zuerst versorgen sich deine Organe und erst nach einer gewissen Zeit peilt dein Körper ein Normalgewicht an.
  • Milliarden von Menschen vor dir haben ihren Körper sowie ihr Essmaß prästiert: Warum solltest genau du dasselbe nicht schaffen?
  • Lasse deine Wut, deine Verzweiflung in schwierigen Momenten zu.  Vertraue dich jemandem an - den genauen Grund für dein Wohlergehen brauchst du ja nicht unbedingt zu nennen, wenn du nicht magst.
  • ES WIRD ALLES GUT - DU BIST WILLENSSTARK (ja, das weiß ich - schließlich hast du das mit deinem eisernen Diätwillen bereits unter Beweis gestellt).
  • Wenn du wirklich und wahrhaftig gesund werden willst, schaffst du es, dein Essmaß zu regulieren und genug Geduld dafür aufzubringen.
  • Vielleicht gelingt es dir, daran zu denken, wie sich deine Liebsten darüber freuen, wenn du wieder zu essen beginnst. Du bist lang genug auf dich selber fixiert gewesen. Und anderen eine Freude zu machen ist schön, oder?
  • Solltest du dich mit deinem gesunden, normalen Aussehen, deinem glücklicheren Gemüt, dem leckeren Essen und den vielen tollen Rückmeldungen wirklich und überhaupt nicht anfreunden können, kannst du immer wieder abnehmen - du bist Expertin/e darin.




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